{"id":1786,"date":"2011-07-11T13:36:17","date_gmt":"2011-07-11T11:36:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.uwg-kreisolpe.de\/site\/?p=1786"},"modified":"2020-01-12T18:39:25","modified_gmt":"2020-01-12T17:39:25","slug":"schulische-inklusion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.uwg-kreisolpe.de\/site\/schulische-inklusion\/","title":{"rendered":"Schulische Inklusion"},"content":{"rendered":"<p><strong>Redebeitrag zum Thema \u201eInklusion\u201c von Dr. Ludger Zeppenfeld (UWG) in der Sitzung des Kreistages am 11.07.2011<\/strong><\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr Landrat, meine sehr verehrten Damen, meine Herren,<br \/>\nich wei\u00df, dass es leichter ist, f\u00fcr Inklusion zu sein, weil man dann nicht Gefahr l\u00e4uft in Verdacht zu geraten, gegen Behinderte zu sein. Jeder gute Lehrer, gleichg\u00fcltig in welcher Schulform, ist doch selbstverst\u00e4ndlich um die Forderung bem\u00fcht \u2013 die sich wie ein roter Faden durch alle Skripten der Inklusionsbef\u00fcrworter zieht \u2013 n\u00e4mlich: hohe Unterrichtsqualit\u00e4t und individuelle F\u00f6rderung aller Sch\u00fclerInnen.<br \/>\nMir liegt es fern, die Sorgen und W\u00fcnsche der insgesamt 10 Organisationen, die Inklusion w\u00fcnschen, nicht ernst zu nehmen, wenn ich behaupte, dass es eines inklusiven Unterrichts nicht bedarf, junge Menschen einschlie\u00dflich Behinderte individuell und auf qualitativ hohem Niveau zu unterrichten. Bei dieser Zielvorgabe spielt die Schulform sogar eine untergeordnete Rolle, viel entscheidender ist die Pers\u00f6nlichkeit des Lehrers. Dies geht bei der bisherigen Diskussion leider unter. Ein Lehrer, der sich nach den gro\u00dfen Ferien darauf freut, seine Sch\u00fcler (und ich sage bewusst \u201eseine\u201c) wiederzusehen, dessen Freude \u00fcbertr\u00e4gt sich auf die Sch\u00fcler und die Atmosph\u00e4re in der Schule mit der Folge eines direkten Einflusses auf den Lernerfolg der Sch\u00fcler.<br \/>\nDie UN-Behindertenrechtskonvention hat \u2013 meiner felsenfesten \u00dcberzeugung nach \u2013 Deutschland nicht gemeint, wenn sie zu Recht feststellt, dass Menschen mit Behinderungen ein Recht auf Bildung haben. Die Vereinten Nationen haben m. E. eine hohe Zahl unter den 193 souver\u00e4nen Staaten gemeint, in denen gar keine Sonderschulen, sondern bestenfalls Verwahranstalten existieren und die dar\u00fcber hinaus Behinderte vom Besuch allgemeinbildender Schulen g\u00e4nzlich ausschlie\u00dfen. So erfahren Behinderte tats\u00e4chlich keinerlei Bildung.<br \/>\nDie Inklusionsbef\u00fcrworter verweisen immer wieder auf den Artikel 24, Abs. 1 der UN-Konvention, in dem vom Recht der Menschen mit Behinderungen auf Bildung ohne Diskriminierung und mit Chancengleichheit die Rede ist.<br \/>\nIch frage mich, wo in Deutschland und besonders auch hier im Kreise Olpe werden die Forderungen der UN nicht erf\u00fcllt?<br \/>\nWorin soll Diskriminierung liegen, wenn Behinderte in unserem kleinen Kreis Olpe allein in 10 Einrichtungen, darunter in 8 Spezialschulen, von spezifisch ausgebildeten Lehrkr\u00e4ften engagiert und individuell gef\u00f6rdert werden mit dem Ziel, in Gesellschaft und Arbeitsleben die gleichen Chancen zu bekommen wie Nichtbehinderte?<br \/>\nNach meinem Daf\u00fcrhalten verbieten sich in diesem Zusammenhang Begriffe wie ausgrenzen, diskriminieren und aussortieren. Dar\u00fcber hinaus berufen sich die Olper Inklusionsbetreiber auf den von mir ansonsten gesch\u00e4tzten Hubert H\u00fcppe, der wie ich 1974 die gute Idee hatte, CDU-Mitglied zu werden und es heute noch sein darf. H\u00fcppe soll gesagt haben:<\/p>\n<p><em>\u201eWer Inklusion will, sucht Wege, wer sie verhindern will, sucht Begr\u00fcndungen!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ob die \u00dcbernahme dieser \u00c4u\u00dferung durch Olpe + e.V. besonders intelligent war, wei\u00df ich nicht; ich jedenfalls halte diesen Spruch f\u00fcr dumm, weil er jeden Inklusionsgegner platt macht, auch den, der sich um ernsthafte Auseinandersetzung bem\u00fcht.<br \/>\nNat\u00fcrlich weist inklusiver Unterricht auch Vorz\u00fcge auf:<\/p>\n<ul>\n<li>durch das allt\u00e4gliche Miteinander werden Ber\u00fchrungs\u00e4ngste verringert oder sogar beseitigt.<\/li>\n<li>der gemeinsame Unterricht (GU) kann zeigen, dass es vollkommen normal ist, dass sich Menschen mehr oder weniger stark voneinander unterscheiden.<\/li>\n<li>die in jedem Menschen schlummernden sozialen Anlagen (Kompetenzen) k\u00f6nnen durch die schulische Gemeinschaft mit Behinderten fr\u00fchzeitig geweckt und entwickelt werden \u2013 ein Vorteil f\u00fcr Nichtbehinderte von sehr gro\u00dfer Bedeutung.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Was mich an Inklusion erschreckt ist die Rigorosit\u00e4t ihrer Bef\u00fcrworter. Zitat:<br \/>\n\u201eKinder brauchen den Rechtsanspruch auf Inklusion.\u201c<br \/>\nMit dieser Forderung ist nat\u00fcrlich der GU auf der Basis der Integration, im Kreise Olpe zurzeit mit 169 Sch\u00fclern praktiziert, gestorben.<br \/>\nWorin besteht der Unterschied zwischen Integration und Inklusion?<br \/>\nDie Erkl\u00e4rung finden wir in der Sachverhaltsdarstellung der Vorlage des Kreises Olpe, Fachdienst Personal, Schulen, Sport und Kultur. Dort hei\u00dft es: \u201eIntegration bedeutet, dass sich letztendlich der Sch\u00fcler an das Schulsystem anpassen muss.\u201c Das ist normal, das ist aus meiner Sicht selbstverst\u00e4ndlich. Auch nichtbehinderte Sch\u00fcler sind h\u00e4ufig weder anpassungswillig noch anpassungsf\u00e4hig. Wenn dem so ist, m\u00fcssen sie das System wechseln. Der n\u00e4chste Satz aus dieser Informationsvorlage des Kreises Olpe: \u201eInklusion bedeutet demgegen\u00fcber etwas g\u00e4nzlich anderes, n\u00e4mlich dass sich das Schulsystem an den Sch\u00fcler anpassen muss.\u201c<br \/>\nNichts anderes macht doch jede F\u00f6rderschule: die F\u00f6rderschule Sehen passt sich dem Sehbehinderten an; die F\u00f6rderschule Sprache passt sich den Sprachbehinderten an; eine andere Spezialschule passt sich emotional gest\u00f6rten Sch\u00fclern an, wie die f\u00fcnf anderen F\u00f6rderschulen auch, mit dem Ziel \u2013 ich sagte es bereits \u2013 diese Behinderungen und St\u00f6rungen soweit zu reduzieren, dass ein Leben in Gemeinschaften &#8211; sei es bei der Arbeit, im Sport, in der Freizeit, ja auch in Regelschulen \u2013 m\u00f6glich wird.<\/p>\n<p>Ich bin der Auffassung, das GU in integrativer Form weiterhin gepflegt und ausgebaut werden sollte, und ich glaube, dass gerade k\u00f6rperlich behinderte Sch\u00fcler in sehr viel h\u00f6herer Zahl gemeinsam mit Nichtbehinderten beschult werden k\u00f6nnen.<br \/>\nAuf Regelschulen bezogen hat mich dieser letzte Satz \u201edass sich das Schulsystem an den Sch\u00fcler anpassen muss\u201c buchst\u00e4blich sprachlos gemacht. Die Verwaltung hat das in ihrer Sachverhaltsdarstellung nicht etwa falsch interpretiert, nein, Olpe + e.V. dr\u00fcckt sich in ihrem Papier auf Seite 1 eindeutig aus. Zitat: \u201eDie Schule muss sich auf die (individuelle) Situation der Sch\u00fclerInnen einstellen und nicht umgekehrt.\u201c Damit ist selbstverst\u00e4ndlich und auch gerade die Regelschule gemeint.<\/p>\n<p>Meine Damen und Herren, seien Sie sich bewusst, dass Sie, wenn Sie gleich der Inklusion zustimmen, unser Regelschulsystem nach meiner Auffassung revolution\u00e4r ver\u00e4ndern. Hier steht nicht: \u201eder Lehrer\/die Lehrerin\u201c muss sich auf die Situation der Sch\u00fclerInnnen einstellen (was selbstverst\u00e4ndlich ist), hier steht und das bewusst: \u201edie Schule\u201c muss sich auf die Situation der Sch\u00fclerInnen einstellen. Damit ver\u00e4ndern wir das System. Das darf nicht wahr sein und lassen Sie es nicht wahr werden, meine Damen und Herren. Ich hatte manchmal Klassen mit Sch\u00fclern ohne Hauptschulabschluss, HS A+B, Realschulabschluss und Allgemeiner Hochschulreife, alle in einer Klasse. Glauben Sie mir, dass mir diese Bandbreite an schulischen Provenienzen h\u00e4ufig meine p\u00e4dagogischen Grenzen aufzeigte. Stellen Sie sich vor, hier w\u00e4re noch ein geistig behinderter Sch\u00fcler zugesto\u00dfen, ich w\u00e4re hoffnungslos \u00fcberfordert gewesen und h\u00e4tte der Hilfe eines Spezialisten der entsprechenden F\u00f6rderschule bedurft, der sich dieses Sch\u00fclers angenommen h\u00e4tte \u2013 im Einzelunterricht oder vielleicht in einer Kleinstgruppe zusammen mit zwei Hauptsch\u00fclern ohne Abschluss. Das wiederum w\u00fcrde Separation bedeuten, und Separation in einer Regelschule ist aus meiner Sicht schlimmer als gemeinsamer Unterricht mit Gleichbehinderten in einer F\u00f6rderschule.<br \/>\nAber auch da, wo die Bandbreite schmal ist \u2013 weil schulische Vorbildung und Leistungsverm\u00f6gen der Sch\u00fcler einer Klasse homogen \u2013 wird das Unterrichten auch ohne Inklusion nicht leichter, weil LehrerInnen sich mehr und mehr Aufgaben widmen m\u00fcssen, die origin\u00e4r die der Eltern sind, n\u00e4mlich: erziehen. In gleichem Ma\u00dfe, in dem sich Lehrer Erziehungsaufgaben widmen, geht Ihnen die Zeit f\u00fcr ihre Hauptaufgabe, das Lehren, verloren.<br \/>\nMeine Damen und Herren, zwingende Voraussetzung zum Gelingen der Inklusion ist ein \u00fcberzeugtes Mitmachen von Lehrern an Regelschulen. Daran mangelt es bundesweit. So hat sich j\u00fcngst der Philologenverband Baden-W\u00fcrttemberg sehr eindeutig gegen Inklusion positioniert. Daran wird auch ein UN-, Bundesrats-, Landesparlaments- und Kreistagsbeschluss nichts \u00e4ndern.<br \/>\nEin Lehrer, der sp\u00fcrt, dass die Rechte seiner Schule beschnitten und die der Eltern erweitert werden, geht verst\u00e4ndlicherweise zun\u00e4chst einmal in Abwehrhaltung. Von ihm kann man keine aktive Mitarbeit erwarten. Insofern haben die Inklusionsbef\u00fcrworter durch ihre m. E. \u00fcberzogenen Forderungen viel Porzellan zerschlagen.<br \/>\nDie von mir erw\u00e4hnten Vorz\u00fcge der Inklusion sind zu wenige, um den Mehraufwand an Personal, Sachmitteln und Raumbedarf zu rechtfertigen. Diese Mehraufwendungen sind bei einer angestrebten Inklusionsquote von 80 %, die die UWG f\u00fcr v\u00f6llig utopisch h\u00e4lt, zwingend. Dabei m\u00fcssten die meisten F\u00f6rderschulen dennoch existent bleiben. Die darin beschulte Restquote an Behinderten w\u00e4re dann erst richtig exkludiert.<\/p>\n<p>Meine Damen und Herren, lassen Sie uns den gemeinsamen Unterricht \u00fcber den bereits eingeschlagenen Weg der Integration beibehalten. Dieser Weg ist zwar noch ein sehr schmaler und holpriger Pfad, der behutsam ausgebaut werden sollte, besonders im Interesse k\u00f6rperlich Behinderter.<\/p>\n<p>Inklusion hat in den F\u00f6rderschulen bereits gro\u00dfe Unruhe ausgel\u00f6st, und man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass diese Unruhe auch die Regelschulen erfassen wird, n\u00e4mlich dann, wenn die Lehrer merken, dass sich bei der Inklusion ihr Schulsystem an den (behinderten) Sch\u00fcler anpassen muss. Dabei w\u00e4re nichts wichtiger, als endlich Ruhe an der Bildungsfront, langersehnt, doch nie erreicht.<\/p>\n<p><strong>Fazit f\u00fcr die UWG:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>ein \u00fcberzeugtes Nein bei der Inklusion,<\/li>\n<li>ein \u00fcberzeugtes Ja f\u00fcr die Integration<br \/>\nmit dem unsch\u00e4tzbaren Vorteil, dass sich jeder Sch\u00fcler nach wie vor anpassen muss an ein Schulsystem, welches f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil der Behinderten \u2013 nicht f\u00fcr alle \u2013 ausbauf\u00e4hig ist.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die UWG w\u00fcrde sich freuen, wenn sich weitere Kreistagsmitglieder unseren Argumenten anschlie\u00dfen k\u00f6nnten.<br \/>\nIch danke Ihnen f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Redebeitrag zum Thema \u201eInklusion\u201c von Dr. Ludger Zeppenfeld (UWG) in der Sitzung des Kreistages am 11.07.2011 Sehr geehrter Herr Landrat, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1788,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"cc_featured_image_caption":{"caption_text":"Bild von Anemone123 auf ","source_text":"Pixabay","source_url":"http:\/\/pixabay.com"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.uwg-kreisolpe.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1786"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.uwg-kreisolpe.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.uwg-kreisolpe.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.uwg-kreisolpe.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.uwg-kreisolpe.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1786"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.uwg-kreisolpe.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1786\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1791,"href":"https:\/\/www.uwg-kreisolpe.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1786\/revisions\/1791"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.uwg-kreisolpe.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1788"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.uwg-kreisolpe.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1786"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.uwg-kreisolpe.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1786"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.uwg-kreisolpe.de\/site\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1786"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}